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Good bye Pathos

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Von Wolfgang Lanzenberger

Pathos beim Unternehmensfilm zieht nicht mehr. Der Überdruss an nichtssagender Schönfärberei ist in den aktuellen Produktionen deutlich zu spüren. Werte statt Werbefloskeln, lautet die Losung – und plötzlich werden die Filme ehrlicher und glaubwürdiger.

Vielleicht liegt es am vorherrschen Krisengefühl. Oder möglicherweise auch daran, dass der Film als Kommunikationsmittel gerade in ganz neuen Facetten entdeckt wird. Jedenfalls wirken die Unternehmensfilme dieser Tage viel unaufgeregter und auch bescheidener. Authentizität steht im Vordergrund und nicht mehr Kaskaden von Superlativen und hohlen Marketingsprüchen auf weichgespülten Bildern. Bei vielen Filmen geht es um Haltung und Fragen der Identität – also um die existentiellen Dinge, die ein Unternehmen zusammenhalten –, und zumindest an dar Oberfläche weniger darum, wie man den Absatz von Produkten und Dienstleistungen noch besser ankurbeln kann. Dieses Mehr an Tiefgründigkeit und Sinnangebot freut vor allem den Zuschauer, der sich an den Schmachtfetzen der Vergangenheit längst satt gesehen hat.

Ein Beispiel für die neue Tiefgründigkeit liefert der aktuelle Imagefilm von Knauf: „Knauf – Unsere Werte – Eine Weltreise“. Der von al Dente Entertainment GmbH realisierte Film zeichnet ein sympathisches und weltoffenes Bild des Unternehmens. Werte gelten im Beruf wie auch sonst im Leben, so die Aussage des Films. Das Besondere an dem Film ist, dass die Protagonisten alle in Ihrer Muttersprache sprechen. Das zeugt nicht nur vom Mut der Macher, sondern auch von einer wertschätzenden Haltung den Mitarbeitern gegenüber. Auf die sonst übliche Sprecherstimme (Voice over) wurde aus gutem Grund verzichtet. Satt dessen arbeitet der Film mit dezenten Untertiteln, und der Zuschauer kann sich ganz auf die Bedeutung der kulturellen Wurzeln und deren Relevanz für das Unternehmen konzentrieren.


Straßenszene in Peking: aus dem Knauf-Imagefilm 2012

Auch von der visuellen Umsetzung her setzt der Knauf-Film neue Maßstäbe. Er wurde auf einer EOS 5D Mark III mit bescheidenen Mitteln gedreht. Zu sehen sind Mitarbeiter in privaten wie in geschäftlichen Situationen. Zudem gelingt es – durch die Benutzung von handlicher Technik (viele Szenen wurden ohne Stativ gedreht)  – jeweils ein besonderes Flair der Länder einzufangen. Für die vier dargestellten Werte steht immer ein Testimonial in einem Land. In der Kombination wird die globale Dimension des Unternehmens deutlich.

Eigentlich verwundert es nicht, dass heute Sinnbotschaften Konjunktur haben. Dass sie jedoch beim Unternehmensfilm angekommen sind, ist schon eine kleine Sensation. Bei den Einreichungen der beiden großen Medienwettbewerbe „Deutscher Wirtschaftsfilmpreis“ und „Corporate Media“  war dieser Trend zu mehr Tiefgründigkeit im letzten Jahr deutlich zu spüren. Man könnte vielleicht daraus auch folgern, dass die Zeiten für steife Funktionsträger aus der Business Welt allmählich härter werden: als Film-Heroes haben jedenfalls derzeit ausgedient.

Überhaupt: Hausbackene Inszenierungen in der Art des Maggie Kochstudios sucht man heute vergeblich. Die Darstellung des Firmenchefs etwa, der in seinem imposanten Büro sitzt, vielleicht noch mit einem geschmacksverirrtem Bild im Hintergrund, und der hölzern seine Statements absondert löst heute nur Spot und Häme aus. Selbst der viel geschmähte Mittelstandsfilm hat aufgeholt und setzt auf mehr Tiefgang.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Unternehmensfilme legen spürbar an Substanz und Qualität zu. Unternehmen haben vermutlich in der Vergangenheit viel Lehrgeld bezahlt. Sie haben erkannt, dass die Wirkung ihrer Filme verpufft, wenn sie an den Bedürfnissen ihrer Zuschauer vorbei produziert werden. Auch haben die Verantwortlichen verstanden, dass Film kein Allheilmittel ist und dass die Kunst der Darstellung in der inhaltlichen Beschränkung liegt. Wer Filme erfolgreich produziert schätzt zwar die Suggestivkraft des Mediums, weiß aber gleichzeitig um die zentrale Bedeutung der Aussage und den wohl dosierten Einsatz filmgestalterischer Mittel.

 

 
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